Die Reise des Narren

Der Tarot ist eine Folge von Urbildern der Seele. Meist werden die Karten als „Orakelspiel“ verwendet, im Sinne der Frage „Was nützt es mir (konkret in meinem Alltag)?“ Wer sich tiefer darauf einlässt, wird jedoch mehr entdecken: den Schulungsweg des inkarnierten Menschen auf seinem Weg zum göttlichen „Happy End“. In der scheinbar willkürlichen Abfolge der Karten scheint eine faszinierende Ordnung auf. Die 22 Karten der Großen Arkana kann man auch als durchgehende Geschichte lesen: als Heldenreise.

von Monika Herz

 

Wahrscheinlich haben viele von Ihnen schon einmal mit Hilfe von Tarotkarten einen Blick in eine mögliche Zukunft gewagt. Vielleicht haben Sie dabei Unterstützung gefunden, wenn es darum ging, eine Entscheidung zu treffen oder den Entwicklungsstand einer persönlichen Beziehung besser zu verstehen. Als Kartenlegerin ist es für mich immer wieder erstaunlich, wie klar die Bilder im Tarot Auskunft über das Innenleben von mir völlig unbekannten Personen geben, die sich von mir Rat und Hilfe erhoffen.

Eine Tarot-Lehrerin sagte einmal zu mir, um die Wahrheit hinter den Karten zu verstehen, müssten wir über jede Einzelne der 78 Karten ein Jahr lang meditieren. Über die 22 Trumpfkarten müssten wir sogar jeweils 2 Jahre meditieren. Und selbst dann wären wir vielleicht kaum über ein oberflächliches Verständnis hinausgelangt. Wenn wir diesen Rat beherzigen würden, dann wären wir 100 Jahre beschäftigt! Mal angenommen, wir hätten so viel Zeit – ich finde, es wäre keineswegs zu viel Aufwand für ein wirklich großes Ziel: das Rätsel der Menschwerdung zu lüften und das Große Geheimnis zu entdecken!

Die Grundstruktur der Tarotkarten ist jedoch gar nicht so unergründlich, wie es uns erscheinen mag. Sie folgt einer klaren und tiefsinnigen Logik. Wenn ich also hier den kühnen Versuch unternehme, mit wenigen Worten die unvollständige Erkenntnis weiterzugeben, die mir in 20 Jahren Beschäftigung mit dem Tarot zuteil geworden ist, beziehe ich mich auf die Bilderwelt im Kartenset des Rider-Waite-Systems.

Die Tarotkarten, und damit das zugrunde liegende Weisheitssystem ist unterteilt in drei Kategorien:

1. Die großen Arkana – 22 so genannte „Trumpfkarten“

2. Die Hofkarten – 16 Persönlichkeitskarten

3. Die kleinen Arkana – 40 Elementekarten

Arkana bedeutet „Geheimnis“. Die kleinen Arkanen beruhen auf der Kenntnis der Naturgewalten, der Elemente und ihrer Wirkung auf uns Menschen. Es gibt je 10 Karten der Kategorien „Stäbe“  (Feuer), „Kelche“ (Wasser), „Münzen“ (Erde) und „Schwerter“ (Luft). Die zweite Kategorie sind die Hofkarten. Sie repräsentieren im Rahmen der vier Elemente bestimmte Personen, Erfahrungen oder Impulse. Könige und Königinnen stehen für Männer und Frauen in der Art des jeweiligen Elements. Wir streifen die beiden Kategorien der kleinen Arkanen und der Hofkarten hier nur am Rande, obwohl sie eine sehr viel ausführlichere Wahrnehmung verdient hätten. Wir wollen ja zu den Großen Arkanen, den „Großen Geheimnissen“ vordringen.

Die 22 Trumpfkarten sind eine symbolische Darstellung des Menschheits-Weges. Wenn wir uns die Reise anhand der Tarotkarten vergegenwärtigen wollen, so ist es hilfreich, die 22 Trumpfkarten mit dem Narren beginnend im Kreis anzuordnen und zu betrachten. Wir können die „Reise des Helden“ als Menschheits-Reise, zugleich aber auch als individuelle Reise ansehen. Die archetypische Grundstruktur einer „Heldenreise“, wie sie der amerikanische Mythenforscher Joseph Campbell beschrieben hat, ist durch bestimmte Situationsabfolgen und Charaktere gekennzeichnet.

Unser Held (wenn wir einen Mann meinen) bzw. unsere Holde (wenn wir eine Frau meinen) ist der Narr, die Närrin. Dies ist die Figur, die auf die Reise geht, die sich wandelt und doch im innersten immer gleich bleibt. Es gibt keine Kultur, die den Narren nicht kennt. Im Mittelalter gab es den Hofnarren, den Einzigen, der es wagen durfte, dem Herrscher die Wahrheit zu sagen. „Der Narr hält sich für weise, aber der Weise weiß, dass er ein Narr ist“, schrieb William Shakespeare in „Wie es euch gefällt“. Vielleicht war auch Lao Tse, jener Weise aus China, dem wir die Weisheit des Tao Te King verdanken, auf seine Art ein Hofnarr. Er befand sich auf der Flucht, als er schrieb: „Wahre Worte sind nicht schön, schöne Worte sind nicht wahr!“ Die indigenen Völker Nordamerikas kennen den Heyoka, der „Verkehrte“ des Stammes, einen hochrangiger Schamanen, der alles „falsch“ macht und dadurch lehrt, was richtig ist.

Der Narr in unserem Tarotspiel trägt die Zahl O, die das Nichts und zugleich das höchste Potential repräsentiert. Auf unserem Bild trägt er ein buntes geblümtes Gewand. Die Sonne scheint, der Narr ist unterwegs in den Bergen und er schreitet wohlgemut direkt auf einen tiefen Abgrund zu. Sein Blick schweift in den weiten Himmel, in seiner rechten Hand schwenkt er eine zarte, weiße Rose, in der linken hält er seinen Stab mit einem kleinen Beutel. Vielleicht befindet sich darin ein Stück Brot, gerade genug für den nächsten Hunger. Ein kleiner Hund begleitet den Narren, er scheint ihn warnen zu wollen vor dem Abgrund. Doch was kümmert den Narren ein Abgrund? Vielleicht kann er ja fliegen! Der Narr ist die Personifizierung der Unschuld, des Kindes, das voller Urvertrauen in die Welt hinausgeht. Er ist glücklich und ohne Sorgen. Dieses Wesen lebt von Augenblick zu Augenblick, immer im Jetzt. Mit dieser – noch unbewussten – Einstellung ist es sowohl unvoreingenommen und frei von geistigen Fesseln als auch naiv im Sinne von Kant, für den die Naivität „eine edle oder schöne Einfalt ist, welche das Siegel der Natur auf sich trägt“.

Dieser Narr kommt also auf unsere Welt, entweder als Mann (Karte 1, der Magier) oder als Frau (2, die Hohepriesterin). Wir meinen Urbilder der Seele, wenn wir dem Magier oder der Hohepriesterin begegnen. Wir meinen die Jungfrau und den Jungmann als unseren eigenen Seelenanteil. Als Draufgänger, der meint, alles werde sich „magisch“ seinem Willen fügen, oder als „Zauberin“, die ihre Netze auswirft und die Männer „umgarnt“. Der Narr ist jedoch unsere Ausgangsfigur und am Anfang der Reise begegnet ihm zuerst die Mutter (3, die Kaiserin) mit ihrer fürsorglichen und fruchtbaren Art und dann der Vater (4, der Herrscher) in seiner Qualität wohltuender Strenge und Ordnung schaffender Struktur. Die Reise des Narren ist jedoch vor allem eine spirituelle Reise, und so folgt nach der Begegnung mit der Dualität von Männlich und Weiblich mit der Nummer 5 der Hohepriester und damit die erste spirituelle Autorität. Der Hohepriester steht für die geistige Macht der Religionen und deren Ethik, die sie uns Menschen meist vergeblich zu lehren versuchen. Über den Papst als Prototyp des „Hohepriesters“ mögen wir vielleicht spotten, doch sind wir wirklich ganz frei von dem Einfluss, den die Kirchen auf uns ausüben?

Wir gehen weiter zur Nummer 6 im Spiel, sie heißt die Liebenden. Wenn diese Karte erscheint, erzeugt sie stets Respekt oder zumindest ein Innehalten. Das Bild zeigt ein Paar, nackt, inmitten des Paradieses. Ein Engel segnet die beiden. Das Bild heißt auch „Die Entscheidung“. Eine wirklich langfristige, gar eine immerwährende Entscheidung für einen Partner treffen – was für eine Herausforderung! Und doch: wäre die Entscheidung wirklich wohlbedacht, nach langem Abwägen und Zweifeln, und ganz und gar ernst gemeint, welche Auswirkung hätte das auf die Partnerschaft! Hier fordert das Leben eine Reife von uns, die wir vielleicht noch gar nicht besitzen können, auf die wir jedenfalls nicht besonders gut vorbereitet worden sind. Aus Mann und Frau ein Paar zu machen, gibt es irgendetwas, das wunderbarer aber auch schwieriger wäre? Obwohl unsere Reise mit der Geburt des Narren begann, fängt sie hier erst wirklich an. Das Kind soll erwachsen werden und sich vermehren!

Deshalb taucht als nächstes ein Wagen auf (7). Einsteigen, das neue Leben beginnt! Die Karte 8, „die Kraft“, zeigt uns, worum es geht: um nichts Geringeres als ein wildes Tier zu zähmen. Gerade in der Partnerschaft zeigt sich das Biest ganz plötzlich und unverhofft, nachdem die Welle der Verliebtheit vorüber gezogen ist. Der Andere ist ein Muffel oder ein ungehobelter Klotz, und sie ist eine Furie oder eine Zicke. Der Kampf mit dem Löwen ist zu allererst ein Ringen mit den eigenen „monströsen“ Eigenschaften. Wir bräuchten einen guten Rat, um damit fertig zu werden.

Deshalb kommt uns mit der Nummer 9 der Archetyp des alten Weisen mit der Lampe entgegen. Er erinnert an Sokrates, der durch die Strassen der Stadt irrte und jedem mit seiner Lampe ins Gesicht leuchtete: „Ich suche einen Menschen!“ Das Mensch-Sein ist die eigentliche Frage, die sich zu Beginn unserer Reise stellt und zugleich die Antwort, die wir am Ende erhalten. Wonach fragen wir eigentlich, wenn wir die großen Fragen stellen? (Woher komme ich, wohin gehe ich, und was hat das alles eigentlich für einen Sinn?) Karte Nummer 10 zeigt uns das Schicksalsrad, das große Weltenrad, eingebettet in ein Universum großer Mysterien: Dazu gehören die Zeit, die Astrologie, die Mythologie, die Erzählungen von Himmel und Hölle, von Jenseits, von Karma und von Wiedergeburt. Ein endloser Kreislauf. Wie können wir jemals Befreiung finden?

Die Karte 11 „Gerechtigkeit“ gibt uns einen Anhaltspunkt. Sie zeigt uns das Bild einer weisen Frau mit einem Schwert in der einen und einer Waage in der anderen Hand. So werden vielleicht unsere Seelen gewogen, wenn wir in die jenseitige Welt eintreten wollen. So werden wir in archaischen Bildern gefragt, ob wir vor jenem „anderen“ Gericht standhalten können. Waren wir eher ein Teil der großen Weltprobleme, oder ist es uns gelungen, zu einem Teil der Lösung zu werden? Die folgende Karte zeigt uns denn auch den „Gehängten“, der über diese Fragen nachsinnt. Es ist ein Bild aus der nordischen Mythologie: Wotan, der Gott der Germanen, will die letzten Geheimnisse erfahren und hängt sich selbst für 9 Tage und 9 Nächte kopfüber an der Weltenesche Yggdrasil auf, bis schließlich die Schicksalsnornen ihm das Geheimnis enthüllen.

Leicht ist es nicht zu erringen! Davon zeugt auch die Karte 13, der „Tod“. Ohne die Erkenntnis und die Erfahrung des Todes – das ganz große Loslassen – kommen wir nicht zum Ziel. Erleichterung, ja erste Erleuchtung, zeigt sich in der Karte 14, „Mäßigkeit“. Sie symbolisiert die Vereinigung der Gegensätze, die mystische Hochzeit des Himmels mit der Erde oder des Feuer mit dem Wasser. Wenn wir bis hierher gelangt sind auf unserer Lebensreise, dann haben wir bereits tiefe Einblicke errungen und ernten die ersten Früchte der Erkenntnis.

Mit der Karte 15 jedoch erscheint der große Widersacher: der „Teufel“. Wir kennen sie alle, die Scharlatane, die Scheinheiligen und Abzocker, die uns verführen und in Abhängigkeit halten wollen. Das Bild zeigt ein Paar, das vom Teufel angekettet wurde. Wenn wir einen kleinen Abstecher in die Zahlenmythologie machen, so sehen wir, dass die 15 in der Quersumme die 6 ergibt, die Zahl der „Liebenden“. Den Liebenden gibt ein Engel den Segen, beim Teufel ist das Paar in Gefangenschaft geraten. Was darauf folgt, ist schwerwiegend: ein tiefer Sturz! Auf dem Bild der 16. Karte bricht alles zusammen, das reinigende Feuer brennt den Turm unseres Egoismus nieder. Doch wir gehen weiter! Gerade nach dem absoluten Zusammenbruch taucht wie Phönix aus der Asche die Karte 17, die Glückskarte auf. „Der Stern“ zeigt uns die Befreierin in Gestalt der Göttin, die die Wasser des Lebens unaufhörlich über uns ergießt.

Mit dem „Mond“ in der Nummer 18 begegnen uns noch Reste problematischer Themen, immer wiederkehrende Schatten, an denen wir zu arbeiten haben, selbst wenn wir schon weit fortgeschritten sind. Die „Sonne“ schließlich zeigt uns ein freudestrahlendes Kind. Wir sind – fast – am Ende des Weges angelangt, Freude und Leichtigkeit sind nun unsere Begleiter. Doch der Glanz der Erleuchtung ist nicht das Ende des Weges, sondern wieder nur eine Zwischenstation. Der ganz zum Menschen gewordene Held hat kein Interesse an Glanz und Glorie, sondern am ganz und gar Gewöhnlichen, am wirklich Menschlichen.

Mit dem „Gericht“ oder „Aeon“ erkennen wir schließlich den vollständigen Sinn, der sich hinter der Geschichte vom jüngsten Gericht verbirgt. Auf der Tarotkarte sehen wir die Toten, die sich aus ihren Gräbern erheben, ein Bild, das davon kündet, dass der Tod kein Thema mehr ist, keine Angst mehr hervorruft, keinen Schrecken. Wir sind frei vom Kreislauf der Wiedergeburt, frei von Karma, das uns zwingt, zu sterben, um die Früchte unserer Taten in einem neuen Leben zu ernten. Uns so bleibt uns ganz zum Schluss nur noch die Karte 21, das Bild einer vollständig befreiten, nackten, tanzenden Frau inmitten des Universums. Warum der Künstler hier eine Frau als Symbol für die endgültige Befreiung gewählt hat, überlassen wir unserem intuitiven Wissen.

So schließt sich der Kreis, so endet die Reise. Wir beginnen von vorne, jedoch auf einer neuen, „höheren“ Ebene. Lasst uns wieder und wieder zu Narren werden!