Alte Heilgebete - Das Buch

Hier können Sie eine Einführung zu meinem Buch "Alte Heilgebete" lesen, das Sie in jeder Buchhandlung oder direkt beim Nymphenburger Verlag bestellen können:

Es muss nicht gleich Sibirien oder Nordamerika sein. Direkt vor unserer Haustür werden vorchristliche Traditionen des Heilens und der weißen Magie praktiziert, die dem Schamanismus exotischer Kulturen ähneln. Ein Erfahrungsbericht über „Abbeter“ und andere Dorfheilige. ...(von Monika Herz)

 

„Gesundbeten“ war Jahrhunderte lang eine der wichtigsten Säulen der medizinischen Versorgung in Europa. Vergleichbare spirituelle Heilmethode gibt es überall auf der Welt, wo sie gewöhnlich als Schamanismus bezeichnet werden. Die online-Enzyklopedie Wikipedia schreibt zu diesem Thema: „Eine allgemein anerkannte Definition von Schamanismus gibt es bisher nicht. Man versteht darunter üblicherweise ein religiös-magisches Phänomen, das zuerst bei verschiedenen indigenen Völkern Sibiriens beobachtet und beschrieben wurde.“ In den Alpenländern heißen diese Menschen „Gesundbeter“ oder „Abbeter“, womit gemeint ist, dass Krankheiten durch Gebete zum Verschwinden gebracht werden. Es gibt sie vereinzelt noch heute, obwohl es sich leider um eine vom Aussterben bedrohte Spezies handelt. Mein Onkel war einer von ihnen, und ebenso meine Großtante Kalina, an die ich noch eine vage Erinnerung aus meiner Kindheit bewahrt habe. Ich selbst wurde in der Kunst der Gebetsheilung von einem Freund unserer Familie unterwiesen. Er hieß Georg Lory, war Mesner von Beruf und hatte zusätzlich den Heilpraktiker-Schein erworben. In meiner Familie wurde er nur „der Lory“ genannt und bei Gebrechen und Sorgen jeglicher Art zu Rate gezogen. Als Kind hatte ich immer einen gehörigen Respekt vor ihm, da ihm der Ruf eines „Wunderheilers“ mit einer mysteriösen Aura vorauseilte. Ich glaubte damals, er könne einzig mit der Kraft seines Willens alles nur Denkbare bewirken. Üblicherweise sucht ein Abbeter im eigenen Familienkreis nach einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin. Die einzige Tochter des Lory jedoch sagte: „Das tu ich mir nicht an!“ Abbeter wurden damals schon mal in der Früh um 4 aus dem Bett geholt, weil dem Greitner-Bauern seine Kuh das Kalb nicht kriegte. Hinzu kam, dass Abbeter im Gegensatz zu Tierärzten nicht immer für ihre Dienste bezahlt wurden, wohl aber für jedes Missgeschick voll verantwortlich gemacht wurden.

Eine Heilerin wird berufen

So schaute sich der Lory im Bekanntenkreis nach einer Nachfolgerin um, und seine Wahl fiel auf mich. Vielleicht war es auch umgekehrt, und meine Wahl fiel auf ihn. Er nahm mich oft mit in die Bergwälder und unterwies mich in den Grundsätzen der Natur-Religion. Wir suchten z.B. besondere Plätze auf, an denen alte Linden oder alte Eichen standen. Er lehrte mich, Bäume zu meinen Freunden zu machen und ihre Lebenskraft zu spüren. Er zeigte mir, wie man die Zeiten der Übergänge nutzte, sei es im Tageslauf oder im Jahreskreis. So standen wir manches Mal mit ausgestreckten Armen und nach vorne gerichteten Handflächen bei Sonnenuntergang für lange Zeit still auf einer Lichtung und nahmen die Kraft der Sonne in unsere Hände auf. Der Lory lehrte mich, die Bedeutung von Kreisen richtig einzuschätzen (linksdrehende Kreise waren auf das Vergangene gerichtet, rechtsdrehende auf das Zukünftige). Er brachte mir bei, den Lauf des Mondes zu berücksichtigen. (Bei abnehmendem Mond sollte man etwas behandeln, was vergehen sollte, z.B. Warzen.)
Vor allem aber bemühte er sich darum, in mir Vertrauen in meine Gebete zu erwecken. Er sagte: „Die Menschen kommen zu dir, weil sie selber nicht beten können und weil sie kein Vertrauen haben zu Gott. Wenn du selber aber auch kein Vertrauen in deine Gebete hast, wie soll das dann funktionieren?“ Dabei sollte ich mir jedoch unbedingt einen gesunden Menschenverstand bewahren. So wandte ich einmal sehr erfolgreich ein Anti-Schmerz-Gebet gegen meine Zahnschmerzen an. Die Schmerzen kehrten allerdings regelmäßig wieder zurück. „Du musst natürlich zum Zahnarzt gehen!“, schimpfte der Lory. „Das Schmerz-Gebet ist nur für den akuten Zustand und für Zeiten, in denen es keinen Zahnarzt gibt!“

Fauler „Liebeszauber“

Der Begriff des Gesundbetens wird im Volksmund für gewöhnlich mit allerlei anderen Methoden in einen Topf geworfen. Dazu gehören z.B. Aberglaube, Wahrsagekunst, Kräutermedizin, Wünschelrutengehen, Liebeszauber, Knochenrichten und das Wiederfinden verlorener Gegenstände. All dies wurde auch praktiziert, allerdings nicht durchgängig von jedem Heiler. Der Begriff „Aberglaube“ wird meist abschätzig für wahnhaften Irrglauben verwendet. Für die Aufklärung war er „Abweichung von dem, was ein vernünftiger Mensch glauben darf“ (Wikipedia). Die Vorsilbe „Aber-“ bedeutete jedoch ursprünglich nicht „gegen“, sondern „darüber hinaus“, „auf der anderen Seite liegend“. Aberglaube bezeichnete also „den Glauben an das Übersinnliche“ Das ist exakt der Arbeitsbereich sprituellen Heilens. Heiler und Heilerinnen, die mit Gebeten arbeiten, kombinieren diese Kunst häufig mit einer der oben genannten Methoden. Der Lory z.B. war ein guter Ruten-Geher mit einem sicheren Gespür für unterirdische Quellen und Verwerfungen. Ich persönlich bediene mich der Kräutermedizin und praktiziere die Wahrsagekunst mittels Karten. Ich habe auch mit Liebeszaubern experimentiert, und erstaunlicherweise führten diese Experimente bei meinen Freundinnen zu guten Ergebnissen: „Monika, in meiner Ehe ist plötzlich der zweite Frühling ausgebrochen!“, sagte mir eine meiner Patientinnen. Bei meinen Selbstversuchen waren jedoch katastrophale Missgeschicke die Regel. So verliebte ich mich jedes Mal "unsterblich" in einen gewissen Mann, während doch eigentlich der umgekehrte Fall hätte eintreten sollen. Deshalb: Vorsicht beim Liebeszauber! Der Schuss kann empfindlich nach hinten losgehen!

Experten in „Grenzüberschreitung“

Für viele Menschen scheint es schwierig zu sein, an eine Wirkung zu glauben, die man nicht sehen und nicht mit dem Verstand erfassen kann. Da hilft es oft, wenn der Betreffende etwas in die Hand nehmen kann, z.B. einen Edelstein. Es ist auch immer ein gutes Gefühl, etwas selbst tun zu können. Daher helfen Rituale oder „Zaubern“ oft, wenn es darum geht, sich von letztlich geistig verursachten Beschwerden wie Angst, Gier oder Eifersucht zu befreien, die auch in körperlichen Symptomen ihren Ausdruck finden. So haben wir einmal ein Ritual mit einem Kind durchgeführt, das wieder angefangen hatte, in die Hosen zu machen. Wir saßen an Silvester um ein Feuer herum. Jeder, der dabei war, warf einen Gegenstand in die Flammen, der ein Thema symbolisierte, von dem er sich befreien wollte. Eine Freundin warf z.B. ihre Dessous ins Feuer, ein Freund seine Zigarettenschachtel und der kleine Junge seine verschmutzte Wäsche. Dazu baten wir die Überirdischen um Beistand. Der kleine Junge war kurze Zeit darauf geheilt. Zauberei?
Traditionelle Heiler und Heilerinnen bedürfen gewisser Eigenschaften, um ihr Handwerk ausüben zu können. Die erste Voraussetzung ist die Bestimmung bzw. die Begabung. Solche Menschen kommen mit der Gabe auf die Welt, die Grenzüberschreitung zur geistigen Welt besonders leicht vollziehen zu können. Viele von ihnen haben schon in ihrer frühen Jugend mystische Erfahrungen wie das Sehen von Licht-Erscheinungen oder das Hören von überirdischen Gesängen gemacht. In unserer materialistischen Welt kann es geschehen, dass solche eigentlich begnadeten Personen in der Psychiatrie landen, denn das Sehen oder Hören von Dingen, die nicht von dieser Welt sind, gilt als schwerwiegende Funktionsstörung. In traditionellen Gesellschaften, wie in manchen indianischen Stämmen, werden diese jungen Menschen dagegen besonders behütet und gefördert. Ihnen wird eine spezielle Ausbildung angeboten, die sie benötigen, um ihren Job später auch gut zu machen.

Mitgefühl – die höchste Tugend

Die wichtigste Eigenschaft, die diese Heiler mitbringen und beständig weiterentwickeln, ist die Motivation, den leidenden Mitmenschen helfen zu wollen. Die edle Motivation des Mitgefühls, übrigens die höchste menschliche Tugend im Buddhismus, bedarf allerdings beständiger Schulung und Pflege. Es kann geschehen, dass die Motivation von Heilern, besonders wenn sie sehr erfolgreich sind, von Gefühlen wie Ehrgeiz, Überheblichkeit und Habgier überschattet wird. In den alten Kulturen stellte man ihnen, wie mir ein indianischer Freund erzähle, deshalb auch immer einen „Ältesten“ als Mentor zur Seite. Als weitere Voraussetzung gilt, dass man die „Übertragung der Kraft“ von einem Vorgänger erhalten hat. Ich z.B. wurde in die Übertragungs-Linie der Tante Kalina eingeweiht, indem ich an einem Ostersonntag noch vor Sonnenaufgang an einen bestimmten Ort geschickt wurde. Dort musste ich beim Klang der Osterglocken mit dem frischen Tau, das noch auf dem Gras lag, eine rituelle Waschung vollziehen und dabei ein spezielles Gebet sprechen.
Abbeter beziehen sich häufig auf spirituelle Autorität als Adressaten ihrer Bitte. Im christlichen Kulturkreis kann dies – trotz heidnischer Ursprünge der Tradition – durchaus Jesus oder die Mutter Maria sein. Meiner Meinung nach ist es aber völlig unerheblich, ob man sich als Heiler auf Jesus, auf Buddha, auf den hinduistischen Krishna oder auf den Aztekengott Montezuma bezieht. Ich gehe davon aus, dass es feinstoffliche Bereiche gibt, die der Wahrnehmung durch unsere Sinnesorgane verschlossen sind. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass alle Religionen in ihrer Wurzel identisch sind, weil ihre Offenbarungen aus eben diesem einen, reinen Geist entsprungen sind. Folglich kann ich mir nicht vorstellen, dass Personen, in denen sich das Transzendente besonders rein offenbart hat, wie Jesus oder Buddha, miteinander streiten, wer „besser“ ist. Sonst wären sie ja nicht Personifizierungen von etwas weiter Entwickeltem, sondern wären genauso unterentwickelt wie wir.

Das offene Feld der „Leere“

Selbst jemand, der mit der Heiler-Gabe ausgestattet ist, kann mit seinem Verstand nicht genau erfassen, was da eigentlich geschieht. Auch ich kann es nicht wirklich beschreiben, denn der Bereich, der mit Worten erfasst werden kann, ist nicht jener, aus dem die heilende Kraft hervorquillt. Obwohl dieses nichtmaterielle, geistige Feld in seiner Wesensnatur nicht wirklich zu beschreiben ist, ist es dem Buddha meiner Meinung nach am besten gelungen, eine Ahnung davon zu vermitteln. Er beschreibt ein geheimnisvolles Feld, das vollkommen leer ist von allen Begriffen und Konzepten. Dieser Begriff der „Leere“ ist natürlich auch nur eine Hilfskonstruktion, das, worum es geht, ist jedoch unmittelbar erfahrbar – z.B. in der Meditation oder im meditativen Gebet.
Dieses Feld ist wie offener Raum. Genau genommen weiß niemand von uns mit Sicherheit, was im nächsten Moment geschehen wird. Es gibt immer nur den einen Moment: jetzt. Dieser Augenblick ist so kurz, dass er, kaum dass wir ihn wahrgenommen haben, bereits Vergangenheit ist. Aus diesem unendlich kurzen Moment heraus geschieht das Neue, das Zukünftige – allerdings nicht willkürlich, sondern in Abhängigkeit davon, was in der Vergangenheit geschehen ist. Wenn ich in der Vergangenheit ein Gebet, also einen Geistesimpuls, genau in das Grenzgebiet dieses geheimnisvollen Bereichs hinein platzieren konnte, dann kann es seine Wirkung in der Zukunft entfalten. Wie, wo und wann das geschieht, unterliegt nicht meiner Kontrolle. „Schaun wir mal!“ pflegte mein Onkel schon lange vor Franz Beckenbauer zu sagen.

Strohhalme des Transzendenten

Das Vertrauen des Heilers in dieses Feld, das von Symbolfiguren wie Jesus oder Buddha repräsentiert wird, ist die Voraussetzung dafür, dass ein Gebet heilsame Wirkung entfaltet. Die Heilkraft selbst kommt von woanders her. Heiler und Heilerinnen dienen lediglich als Vermittler, sie sind wie Strohhalme, die die Essenz des Großen Geheimnisses in unsere Welt hinein trinken. In der Praxis ist es allerdings meist nicht ausreichend, einmal im Leben ein Gebet zu sprechen, um alles Leiden für immer zu beseitigen (auch wenn es, Schilderungen zufolge, Wunderheiler gibt, denen dies gelungen ist). Abbeten ist vielmehr eine Methode, die den Menschen an die Geistige Welt heranführt, damit er dort heimisch werden kann. Er kann lernen, seine eigenen Fühler dorthin auszustrecken. Aufgrund dieser Erfahrungen wird er schließlich immer mehr Geschmack finden an der Hinwendung zu „Höherem“. Er kann daraus den Mut schöpfen, sich selbst „höher“ und weiter entwickeln zu wollen – hin zum eigentlichen Mensch-Sein.